Ernährung

30.01.2024

Lebensmittelsicherheit – wer trägt die Verantwortung?

Lebensmittelskandale, wie beispielsweise die BSE-Krise, der Dioxin-Skandal, EHEC und mehrere „Gammelfleisch“-Skandale, bleiben Verbraucher*innen nachhaltig in Erinnerung. Sichere Lebensmittel zu gewährleisten, ist eine komplexe Aufgabe, denn Lebensmittel werden zunehmend global gehandelt, Krankheitserreger können auftreten und auch chemische Kontaminanten wie Pestizide, Schwermetalle oder andere unerwünschte Rückstände gilt es zu überwachen. Zudem ändern Verbraucher*innen ihre Essgewohnheiten und es kommen neue Produkte, sogenannte „Novel foods“, auf den Markt.

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Alle Beteiligten der Herstellungskette für Lebensmittel müssen für die Sicherheit der Produkte sorgen.

Zu dem Thema: Lebensmittelkennzeichnung: Was drinsteckt, muss draufstehen bieten wir im Rahmen unserer Aktionswoche zum Weltverbrauchertag einen kostenfreien Vortrag an.

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Worauf basiert Lebensmittelsicherheit?

Für Lebensmittel gibt es ein EU-weit und international abgestimmtes Sicherungssystem.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority – EFSA, Parma/Italien) ist für die wissenschaftliche und unabhängige Risikobewertung von Lebens- und Futtermitteln zuständig. Dessen zentraler Ansprechpartner ist in Deutschland das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Grundsätzlich muss die Unbedenklichkeit eines Produktes sichergestellt sein, bevor es in den Verkehr gebracht wird. Dies regelt das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB). Ziel ist es, Verbraucher*innen auch vor Fahrlässigkeit und Täuschung (wie beispielsweise unsicheren, nicht verzehrstauglichen Produkte oder irreführender Werbung) zu bewahren. Nach dem Ansatz „vom Feld bis zum Teller“ wurden für die gesamte Lebensmittelkette daher sieben Grundprinzipien mit verschiedenen Kontrollinstanzen festgelegt:

1. Unternehmerverantwortung

Durch geeignete Maßnahmen, wie zum Beispiel Eigenkontrollen, müssen alle Beteiligten der Herstellungskette für Lebensmittel ihrem Verantwortungsbereich für die Sicherheit eines Produktes Sorge tragen.

2. Lebensmittel-Rückverfolgbarkeit

Lebensmittelunternehmer sind für die Dokumentation verantwortlich, wohin sie ihre Produkte liefern. Zudem müssen sie seit 2005 EU-weit nachweisen, woher sie ihre Rohstoffe bzw. Lebensmittel beziehen. Dafür ist auf der Lebensmittelverpackung eine sogenannte Losnummer oder ein Datum angegeben, um die Rückverfolgbarkeit der Produkte zu gewährleisten.

3. Lebensmittel- und Futtermittelüberwachung der Ämter

Die Lebensmittel- und Futtermittelüberwachungsbehörden der Bundesländer kontrollieren, ob die Vorgaben des Lebensmittelrechts auch befolgt werden. Hierzu gehört insbesondere die Überprüfung der betriebsinternen Kontrollen der Lebensmittelunternehmer.

4. Das Prinzip der Vorsorge

Da sich Risiken wissenschaftlich nicht immer ganz abschätzen lassen, gilt zunächst das Prinzip der Vorsorge. Das bedeutet, dass Behörden vorsorglich Maßnahmen treffen können, um Risiken möglichst gering zu halten.

5. Unabhängige Risikobewertung durch die Wissenschaft

Die Landesuntersuchungsämter bewerten auf Landesebene, wie hoch das Gesundheitsrisiko für die Verbraucher*innen ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist hierfür auf Bundesebene zuständig. Untersuchungen sowie deren Bewertungen erfolgen neutral, ohne externe Einflüsse. Zudem wird die Öffentlichkeit über die Erkenntnisse vom BfR informiert.

6. Separation von Risikobewertung und Risikomanagement

Es gibt eine klare Trennung zwischen der Risikobewertung durch die Wissenschaft und dem Risikomanagement von Politik und Behörden. Dies bedeutet, dass erst wissenschaftliche Erkenntnisse freigegeben werden, bevor das Risikomanagement der Politik am Zuge ist.

Seit 2002 ist die Differenzierung von Risikobewertung und -management sowohl im europäischen als auch im deutschen Recht fixiert. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist die zentrale Behörde für das Risikomanagement, welches in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) steht. Seine Entscheidungen stützen sich auf die unabhängige wissenschaftliche Risikobewertung des BfR.

7. Transparente Risikokommunikation

Verbraucher*innen werden informiert, wenn trotz aller Maßnahmen seitens der Lebensmittelunternehmer ein Produkt auf den Markt kommt, von welchem ein Risiko für die Gesundheit des Menschen ausgehen könnte. Dies erfolgt im Rahmen eines Produktrückrufs durch das zuständige Lebensmittelunternehmen. Außerdem informieren die Behörden der Bundeslänger über das Internetportal des BVL (lebensmittelwarnung.de) über unsichere Produkte.

Warum haben Lebensmittelwarnungen zugenommen?

Lebensmittelwarnungen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Die Gründe hierfür sind nicht eindeutig und auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Einerseits sorgen Unternehmen selbst zunehmend für mehr Transparenz. Auch die Weiterentwicklung der Labortestungen und Analysemethoden wirkt sich auf den Anstieg der Meldungen aus. Des Weiteren spielt auch die Absenkung von zulässigen Höchstmengen eine Rolle, weshalb Lebensmittelwarnungen steigen.

Verbraucher*innen sind bei einem Rückruf oft ahnungslos. Die Unternehmen sind bei einer Gesundheitsgefährdung zwar verpflichtet, das Produkt sofort zurückzurufen und aus dem Verkehr zu nehmen sowie die Öffentlichkeit und die zuständigen Behörden zu informieren, gesetzliche Vorschriften über die Art und Weise gibt es jedoch nicht. Die amtliche Webseite „www.lebensmittelwarnung.de“ kennen die meisten Menschen nicht. Mit der App „VerbraucherSchutz“ vom Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz bekommen Verbraucher*innen direkt eine Benachrichtigung auf das Smartphone.

Wer kontrolliert die Lebensmittelunternehmen?

Lebensmittelkontrollen durchzuführen ist in der Regel die Aufgabe der Kreisverwaltungsbehörden des jeweiligen Landkreises bzw. der kreisfreien Stadt, in welchem der Betrieb ansässig ist. Da die Ämter oft auch für die wirtschaftliche Förderung zuständig sind, kann ein Interessenskonflikt entstehen. Oft weiß die Öffentlichkeit auch nicht, welche Betriebe bei Kontrollen überhaupt beanstandet werden.

Lebensmittelsicherheit zu Hause – Tipps für Verbraucher*innen

Lebensmittel richtig lagern
  • Insbesondere bei kühlpflichtigen und leicht verderblichen Lebensmitteln, wie beispielsweise rohem Fleisch, Geflügel, Eier und Fisch, ist die richtige Lagerung besonders wichtig, um die Vermehrung von Krankheitserregern zu verhindern.
  • Vorsicht ist aber auch beim Umgang mit Gemüse, Kräutern und frischem Obst geboten.
Verunreinigungen vermeiden
  • Vor der Lebensmittelzubereitung auf die persönliche Hygiene achten (Schmuck an Fingern und Handgelenken ablegen, Hände gründlich waschen, ggf. Kopfhaar zusammenbinden).
  • Möglichst nicht an Mund, Nase und Haare fassen.
  • Hände, Arbeitsflächen und Geräte, insbesondere nach dem Umgang mit leicht verderblichen und kühlpflichtigen Lebensmitteln, gründlich reinigen.
  • Haustiere während der Zubereitung von Lebensmitteln nicht streicheln und vom Arbeitsplatz fernhalten.
Reihenfolge bei der Speisenzubereitung beachten
  • Als erstes Speisen zubereiten, welche nicht erhitzt werden vor dem Verzehr (z.B. angemachte Salate, Nachspeisen).
  • Danach pflanzliche Lebensmittel, die roh verzehrt werden (z.B. geschnittenes Gemüse oder Salat).
  • Zuletzt rohe, tierische Lebensmittel (z.B. Fleisch, Geflügel, Eier) zubereiten.
  • Wenn aus organisatorischen Gründen diese Reihenfolge nicht erfolgen kann, sollte auf eine gründliche Zwischenreinigung der Geräte, Arbeitsflächen und der Hände geachtet werden.
Durchgaren risikobehafteter Lebensmittel
  • Leicht verderbliche bzw. eher risikobehaftete Lebensmittel (z.B. Hackfleisch, Eier) sollten den individuellen Empfehlungen entsprechend durchgegart werden.

Weiterentwicklung der Lebensmittelsicherheit

Die Codex Alimentarius Kommission (CAC) legt seit über 50 Jahren die internationalen Richtlinien zur Lebensmittelsicherheit fest. Da ein hohes Verbraucherschutzniveau weltweit angestrebt wird, beteiligt sich auch die Bundesregierung an der Arbeit des Codex Alimentarius.

Basierend auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Interessen der Wirtschaft an einem reibungslosen Handel und den Erwartungen der Verbraucher*innen an eine hochwertige Lebensmittelversorgung, wird die Lebensmittelsicherheit stetig weiterentwickelt.

Weitere Informationen zum Thema

https://www.bmel.de/SharedDocs/Videos/DE/Verbraucherschutz/Lebensmittelsicherheit_Video.html

https://www.bmuv.de/themen/gesundheit/lebensmittelsicherheit/verbrauchertipps-gesundheit-und-lebensmittelsicherheit

Quellen

https://www.foodwatch.org/de/foodwatch-zum-tag-der-lebensmittelsicherheit-fast-jeden-tag-ein-rueckruf-und-kaum-jemand-bekommt-es-mit

https://www.bmel.de/DE/themen/verbraucherschutz/lebensmittelsicherheit/lebensmittelsicherheit_node.html

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/Lebensmittelsicherheit-verstehen.pdf?__blob=publicationFile&v=11

https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/produktrueckrufe-2022-mehr-lebensmittelwarnungen-als-je-zuvor/28908912.html