Ernährung

04.06.2020

Top oder Flop? Darmtests für zuhause

Egal ob bei Bauchschmerzen, Übergewicht oder permanenter Müdigkeit: Seit einiger Zeit versprechen Darmtests aus Apotheken oder dem Internet Unterstützung bei der Diagnose und Behandlung von Beschwerden. Und das ganz bequem von zuhause. Das Ergebnis soll zu einer personalisierten Ernährungsempfehlung führen, welche die gesundheitsfördernden Darmbakterien stärkt und dadurch vor Krankheiten schützt oder vorhandene Beschwerden lindert. Wie sinnvoll sind diese Tests?

Top oder Flop? Darmtests für zuhause
Foto: © wormundlinke

Gibt es die optimale Mikrobiota?

Mikrobiota bezeichnet die Gesamtheit der Darmkeime. Dies sind ungefähr 100 Billionen Keime, die rund ein bis zwei Kilogramm wiegen. Wissenschaftler forschen seit einiger Zeit an der Zusammensetzung der Mikrobiota und versuchen, Zusammenhänge mit Krankheiten zu analysieren. Aktuell gibt es zwar schon Hinweise, dass eine Vielzahl von Erkrankungen gleichzeitig mit einer Veränderung der Keimzusammensetzung einhergeht. Allerdings sind sich die Experten noch uneinig, wie eine optimale Mikrobiota aussieht.

Veränderung der Mikrobiota bei Erkrankungen

Durch Studien ist inzwischen bekannt, dass bei verschiedenen Krankheiten wie chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, dem Reizdarmsyndrom oder Adipositas die Artenvielfalt der Darmkeime reduziert oder deren Zusammensetzung verändert ist. Bei Übergewicht ist oft das Verhältnis der Firmicutes zu Bacteroidetes verschoben, sodass mehr der „schlechten“ Firmicutes-Bakterien vorhanden sind, die mehr Kalorien aus der Nahrung abspalten. Hierdurch kann sich bei gleicher Ernährung die Energieaufnahme auf bis zu 150 Kalorien pro Tag steigern.

Welche Darmtests gibt es?

Hersteller werben damit, unabhängig von Arztbesuchen herauszufinden, wie die Zusammensetzung der eigenen Mikrobiota aussieht und wie es dem Darm geht. Angeboten werden verschiedene Tests, die entweder die Zusammensetzung der Mikrobiota, Pilze oder spezielle Marker untersuchen. Zu letzteren zählt der Botenstoff Zonulin, der herangezogen wird, um ein Leaky-Gut-Syndrom, d. h. die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut, zu erkennen. Die aufwändigste und teuerste Untersuchung stellt die Mikrobiomanalyse dar. Diese Untersuchung analysiert neben den gut kultivierbaren Darmbakterien auch diejenigen, die nur ohne Sauerstoff leben und somit auch schwer oder gar nicht im Labor vermehrt werden können. Hier wird mithilfe der Molekulargenetik die Bakterien-DNA bestimmt, sodass sowohl die Anzahl als auch die Arten der Bakterien in der Stuhlprobe genau zu ermitteln sind.

Kosten der Darmtests

Die Kosten für die Darmtests belaufen sich auf bis zu mehreren hundert Euro, je nach Hersteller und Analytik. Die Krankenkassen übernehmen nicht die Kosten. Die Firmen weisen darauf hin, dass die Selbsttests keine ärztliche Diagnose ersetzen und die Anwender bei negativem Ergebnis in jedem Fall ein Arzt aufsuchen sollen.

Grenzen der Diagnostik

Durch die Analyse lässt sich die Vielfalt der Darmbakterien bestimmen. Bei geringer Artenvielfalt empfiehlt sich gegebenenfalls eine ballaststoffreichere Lebensmittelauswahl. Allerdings reichen die Forschungsergebnisse noch nicht aus, um personalisierte Ernährungsempfehlungen auszusprechen, da die optimale Zusammensetzung der Mikrobiota noch nicht ausreichend bekannt ist.

Problematisch bei Selbsttests ist außerdem die begrenzte Haltbarkeit der Probe. Zu achten ist auf die Zustellungsdauer zum Labor, da das Probenmaterial nicht zu lange unterwegs sein darf. Neben dem Ergebnis bewerben die Testfirmen häufig auch passende Nahrungsergänzungsmittel oder Bakterienstämme und liefern Ernährungspläne mit.

Sinnvolle Stuhl-Untersuchungen

Einige Untersuchungsmöglichkeiten erweisen sich als durchaus sinnvoll, doch sollte sie ein Arzt durchführen. Dabei übernimmt die Krankenkasse auch teilweise oder komplett die Kosten. Zu sinnvollen Untersuchungen zählen der pH-Wert, die Diagnose von Entzündungen der Darmschleimhaut wie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa). Im Rahmen der Darmkrebsvorsorge wird der Test auf okkultes, nicht sichtbares Blut im Stuhl durchgeführt. Auch bei Verdacht auf Parasiten oder Magen-Darm-Infekte gibt es geeignete Stuhluntersuchungen.

Darmtests für zuhause – Fazit

Nach aktuellem Wissensstand ist eine Mikrobiomanalyse derzeit nicht notwendig. Zur Diagnostik und dem Empfehlen einer individuellen Ernährungsweise bei Erkrankungen, sind neben einer Mikrobiomanalyse weitere Laborwerte wie Cholesterin- oder Blutzuckerwerte notwendig. Aus diesem Grund rät die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) von Mikrobiomanalysen ab. Eine Analyse kann zwar Hinweise auf die individuelle Besiedlung geben. Da es aber noch keinen Konsens über die optimale Zusammensetzung der Mikrobiota gibt und diese individuell sehr unterschiedlich ausfällt, sollten Interessierte die Test-Ergebnisse kritisch betrachten. Befolgen Sie einschneidende Ernährungsempfehlungen nicht ohne eine Rücksprache mit einer zertifizierten Ernährungsberater*in, sondern achten Sie vielmehr auf eine ausgewogene Ernährung. Bei Fragen und Unsicherheiten stehen die qualifizierten Ernährungsberaterinnen des VerbraucherService Bayern gerne zur Verfügung.

 

Quellen:

www.aerzteblatt.de/nachrichten/97788/Fachgesellschaft-raet-von-Bestimmung-des-Darm-Mikrobioms-ab

www.apotheken-umschau.de/Darmkrebs/Stuhltest-zur-Darmkrebs-Frueherkennung-528097.html

www.dgvs.de/pressemitteilungen/teuer-und-sinnlos-dgvs-raet-von-stuhltests-zur-analyse-des-darm-mikrobioms-ab/

FoodForum 2/20, S. 92-97

UGB-Tagungsband, Tagung vom 08./09.05.20, S. 17-18

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