Umwelt

08.02.2022

Medikamentenrückstände im Wasser

Ohne Wasser gibt es kein Leben auf der Erde. Hierzulande kommt das kostbare Gut scheinbar gereinigt und sauber aus der Leitung. Doch wird unsere Gesellschaft immer älter und damit steigt auch der Konsum von Medikamenten. Diese landen über die Toilette oder falsche Entsorgungswege zurück im Wasserkreislauf. Die Entfernung der Chemikalien ist problematisch - gehen Gefahren davon aus?

Medikamentenrückstände im Wasser
Foto: © Myriams-Fotos - Pixabay.com

Wasser im Kreislauf

Angetrieben durch die Energie der Sonne wird das Wasser unseres Planeten ständig im Kreislauf gehalten. Durch Verdunstung der Wassermoleküle aus Seen, Meeren, Flüssen oder Lebewesen (Transpiration), gelangt das lebenserhaltende Nass als Wasserdampf in die Atmosphäre. Weitertransportiert mit der Luft oder in kondensierter Form als Wolken, findet es seinen Weg als Niederschlag zurück auf die Erdoberfläche. Teilweise versickert das Wasser, sammelt sich in Flüssen oder Seen und wird ins Meer transportiert. So beginnt der Kreislauf von Neuem.

Der Mensch entnimmt dem Kreislauf Wasser und nutzt es unter anderem als Trinkwasser, für die Waschmaschine, die Körperhygiene, Produktion von Gütern, in der Landwirtschaft. Auch hier führen wir das verbrauchte Wasser – meist verschmutzt – wieder in den Kreislauf zurück. Es handelt sich also eher um Wasser-Gebrauch als Verbrauch. Bei jeglicher Wassernutzung gilt: Besser keine problematischen Stoffe in den Kreislauf einführen, als später aufwändig wieder entfernen. Bei einigen Wirkstoffen ist dies nur schwer oder gar nicht möglich.

Kläranlage – kein Allheilmittel

Arzneimittelrückstände und deren Abbauprodukte sind heute flächendeckend in Flüssen und Seen, aber auch im Grundwasser und im Boden nachweisbar. In sehr niedrigen Dosen finden sich Arzneimittelrückstände mittlerweile auch im Trinkwasser - allerdings in so geringer Menge, dass derzeit keine Gefahr für den Menschen besteht (UBA). 

Ärzte verordnen am häufigsten Entzündungshemmer (z.B. Diclofenac, Ibuprofen), Asthmamittel und Psychotherapeutika. Der menschliche Körper nimmt meist nur einen Teil des Wirkstoffs auf. Den Rest sowie vom Körper umgebaute Stoffwechselprodukte der stabilen Chemikalien, scheiden wir ungenutzt aus. Über die Abwasserleitung gelangen die Stoffe in die Kläranlage. Dort erfolgt nur ein teilweiser Rückhalt dieser Stoffe. Ein Großteil landet in verdünnter Form wieder im Wasserkreislauf (LfU). Über den Klärschlamm gelangen die Wirkstoffe teilweise auch auf landwirtschaftlichen Flächen und somit direkt in den Boden.

Der Anteil des Chemikalienrückhalts hängt von der Technik der Anlage ab. In der vierten Reinigungsstufe wird durch Aktivkohleverfahren oder Ozonbehandlung ein Teil der Spurenstoffe eliminiert. In Bayern verfügen bisher nur wenige Anlagen über diese Reinigungsstufe (StMUV).

Auch über die Tiermedizin erfolgt ein Arzneimitteleintrag. Allerdings stehen hier Antibiotika, Wirkstoffe gegen Parasiten, hormonell wirksame Substanzen und Entzündungshemmer im Vordergrund.

Gesundheitsgefahr durch Arzneiwirkstoffe?

Derzeit sind für den Menschen keine Gesundheitsgefahren durch Arzneimittelrückstände im Wasser bekannt. Allerdings besteht hier noch Forschungsbedarf. Langzeituntersuchungen fehlen genauso wie die Kenntnis von Wechselwirkungen verschiedener Stoffe (Cocktail-Effekt) (ISOE).

Nachgewiesenen Auswirkungen auf Wasserlebewesen geben Anlass zur Sorge. Insbesondere Rückstände der Anti-Baby-Pille haben beispielsweise negative Effekte auf die Fruchtbarkeit von Fischen. Ebenso lassen sich Schädigungen von Leber und Niere durch das häufig verschriebene Schmerzmittel Diclofenac nachweisen. Antibiotikaresistenzen treten auch bei Mikroorganismen in Gewässern auf. Insbesondere an Kläranlagen-Abläufen wurden multiresistente Organismen nachgewiesen.

Nicht alle in das Wasser eingetragenen Wirkstoffe sind problematisch. Von den rund 2500 Arzneimittelwirkstoffen, die in Deutschland in der Humanmedizin auf dem Markt sind, stuft das Umweltbundesamt derzeit etwa die Hälfte als umweltrelevant ein. Entscheidend ist die Abbaubarkeit einer Chemikalie. Baut der Körper oder die Mikroorganismen im Wasser die Wirkstoffe in harmlose Abbauprodukte um, besteht keine Umwelt- oder Gesundheitsgefahr. Viele Arzneimittel brauchen aber sehr lange bis sie umgewandelt sind oder können gar nicht abgebaut werden. Diese reichern sich in der Umwelt an und wirken auch außerhalb des Körpers weiter.

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Im Sinne des vorsorgenden Umwelt- und Verbraucherschutzes sollte die Umweltwirksamkeit eines Wirkstoffs bereits bei der Zulassung und vor allem bei der Verschreibung eine Rolle spielen. Alles was nicht in den Wasserkreislauf gelangt, muss weder untersucht, noch entfernt werden.

Grundsätzlich darf ein Medikament einem Menschen nicht vorenthalten werden, obwohl es nachweislich negative Umweltauswirkungen hat. Dennoch gibt es seit 2005 in Deutschland die Pflicht zur Vorlage einer Umweltrisikobewertung im Zulassungsverfahren neuer Medikamente. Immerhin sind dadurch die Eintragungsmengen und das Umweltrisiko abzuschätzen. Dringend nötig ist jedoch der Fokus auf die Entwicklung umweltverträglicher Wirkstoffe (sog. Green Pills) sowie entsprechende Schulung von Ärzten und Apothekern. Diesem Aspekt wird aus Sicht des VerbraucherService Bayern momentan noch zu wenig Beachtung geschenkt.

Passende Verpackungseinheiten sparen unnötige Medikamentenentsorgung. Allerdings sind viele Arzneimittel nur in großen Gebinden erhältlich. Falsch entsorgt landen auch diese Wirkstoffe in der Umwelt.
Wichtig: Alte Medikamente niemals im Ausguss entsorgen. Auch flüssige Medikamente gehören samt Flasche in den Restmüll. Je nach Kommune ist es möglich, Medikamentenreste auch bei Wertstoffhöfen oder bei Problemmüllsammlungen abzugeben. Ein einheitliches System wäre hier wünschenswert.

Die Verschreibungspraxis einiger Medikamente befeuert die Arzneimittelsucht. Gerade ältere Frauen leiden am häufigsten daran. Adäquat zum Eintrag von Wirkstoffen in den Wasserkreislauf, sind Schmerzmittel und Psychopharmaka die häufigsten Suchtmittel im Alter.

Der präventive Gesundheitsschutz spart Unmengen an Arzneimitteln. Eine gesunde Lebensweise und Ernährung erhöht die Lebensqualität und entlastet nachhaltig den Wasserkreislauf.

Tipps für den Wasserschutz zuhause

  • Bevorraten Sie sich nicht mit unzähligen Medikamenten. Gezielte Produkte nach Bedarf schonen Geldbeutel, Gesundheit und Umwelt.
  • Über den Konsum tierischer Produkte tragen wir indirekt zur Nutzung von Tierarzneimitteln bei. Produkte aus ökologischem Tierhaltung oder vegetarische Kost verringern den Eintrag unerwünschter Stoffe in den Wasserkreislauf.
  • Auch Wasch- und Reinigungsmittel sowie Körperpflegemittel tragen Schadstoffe in das Wasser ein. Achten Sie auf die richtige Dosierung und biologisch abbaubare Inhaltsstoffe (VSB-Waschmittel richtig dosieren).
  • Desinfektionsmittel haben beim Wohnungsputz keinen zusätzlichen Nutzen, schaden im Abwasser aber wichtigen Mikroorganismen. Allzweckreiniger, Spülmittel und Zitronensäure reichen zur hygienischen Reinigung im Privathaushalt völlig aus (VSB – Frühjahrsputz in Zeiten der Corona-Pandemie).
  • Das synthetische Süßungsmittel Acesulfam K, das in vielen Light- oder Zero-Getränken vorkommt, ist nicht biologisch abbaubar. Der Körper nimmt es nicht auf, sondern scheidet es komplett über den Urin wieder aus. Auch hier sind bereits Spurenstoffe im Trinkwasser nachweisbar. Vermeiden Sie den Konsum (VSB – Süßstoffe – süßen ohne Kalorien).

Weiterführende Informationen:

Umweltbundesamt: Arzneimittel in der Umwelt - vermeiden, reduzieren, überwachen

BDEW: Kosten und verursachungsgerechte Finanzierung einer vierten Reinigungsstufe in Kläranlagen

Umweltbundesamt: Umweltwirkungen von Tierarzneimitteln